Warum Wohlwollen und Interesse nachhaltiger sind als (Selbst-)Verurteilung
Gunther Schmidt
Wie unglaublich inspirierend ist es bitte, einem Menschen zuzuhören, der sich seit Jahrzehnten mit Hypnose beschäftigt und sogar vom “Vater” der modernen Hypnosetherapie, Milton H. Erickson, gelernt hat. Ich bin begeistert.
Gunther Schmidt leitet das sysTelios Gesundheitszentrum in Siedelsbrunn und das Milton-Erickson-Institut in Heidelberg. Er ist Begründer der hypnosystemischen Therapie, welche die Systematische Therapie und die Hypnotherapie (nach Milton H. Erickson) vereint.
Warmherzig, empathisch, menschlich
Das hat mich wohl am meisten angesprochen: die Art, wie Gunther Schmidt mit Menschen umgeht, basiert auf Interesse, Nachfragen, Verstehen wollen und Nicht-Urteilen und Humor. All das hilft dabei, dass sich Klient:innen öffnen und Vertrauen schöpfen können.
Zudem geht Gunther Schmidt davon aus, dass bereits viele Kompetenzen in jedem von uns schlummern. Er appelliert an die Selbstwirksamkeit eines jeden und vertritt die Meinung, dass ein Symptom, sei es nun körperlich oder psychisch, eine Gelegenheit sein kann, genauer hinzuschauen.
Symptome als Helferlein
Schon klar, wenn man Schmerzen hat, möchte man dies am liebsten weghaben, ist ja auch verständlich. Aber wenn man die Perspektive wechselt und neugierig sucht, woher die Symptome kommen könnten, lern man so viel über sich:
Wie denke und rede ich über mich?
Welche Sehnsüchte leuchten in mir, werden aber oft gedimmt?
Nehme ich mich in einer Opferrolle wahr oder fühle ich mich selbstwirksam?
Wie könnte eine Veränderung aussehen und wie komme ich dort hin?
Wenn ich mir diese Fragen stelle und viel Verständnis für unliebsames Verhalten oder Symptome aufbringe, muss ich nicht dagegen ankämpfen und erschaffe mir somit eine Ausgangslage, die viel entspannter und stressfreier ist. Nun bin ich handlungsfähiger und weniger blockiert. Ich kann auf gelingende Erfahrungen zurückgreifen und verliere mich nicht in Negativ-Szenarien. Wenn ich diese, auch nur gedanklich, oft übe, werden sie stärker. Diese negativen Bilder lösen Emotionen der Angst und Ohnmacht aus und dürfen zwar unbedingt anerkannt werden, aber gerne auch wieder auf ihren Platz gewiesen werden. Wie sieht mein Steuer-Ich aus? Also die Version, die sagt, wo es lang geht? Wo stehen die anderen Anteile? Darf die überkritische Stimme am Spielrand stehen und reinbrüllen? Die ängstliche Seite an die Hand genommen werden? Die zynische Seite angehört werden?
Fragen, die ich mir auch noch stellen könnte, sind:
-Welche Situationen verstärken bei mir die Symptome?
-Was löst den Stress aus? (Stress ist meist unsere Bewertung der Situation, nicht unbedingt die Situation an sich)
-Wie bewerte ich gewisse Situationen / Interaktionen?
-Wie reagiert mein Organismus in den entsprechenden Momenten?
-Gibt es auch Erfahrungen, die ich als positive Beispiele werten kann?
Wo die Symptome weniger stark waren, ich mich kraftvoller, selbstwirksamer gefühlt habe?
-Mit welchen Bildern oder Metaphern kann ich einen gewünschten Zustand erreichen?
-Wie kann ich den gewünschten Zustand im Alltag herbeiführen? Mit Gedanken, Worten, inneren Bildern, Mantren, Körperhaltung, Atmung, Bewegungen oder Gesten?
Ich nehme viel mit
Natürlich ist dies alles stark reduziert und lange nicht vollständig.
So bin ich im Moment noch am Staunen, Geniessen, Ordnen und Überlegen, wie ich die für mich besonders verblüffenden und genialen Erkenntnisse in meine Sitzungen einfliessen lassen kann. Ich liebe es, meinen Horizont zu erweitern und bin gespannt, wie sich dies in meinem Alltag auswirkt. Ich nehme viel mit für mich persönlich und für die Arbeit mit meinen Klient:innen. Eine Bereichrung, für die ich sehr dankbar bin.