Was ist die Geschichte der Hypnose?
Die Hypnose hat eine faszinierende Entwicklung durchlaufen – von mystischen Anfängen über Bühnenshows bis zur wissenschaftlich anerkannten Therapiemethode. Heute beruht sie auf fundierten kognitiven und neuronalen Mechanismen, die Wahrnehmung, Empfindungen und die Reaktionsfähigkeit auf Suggestionen modulieren.
Mesmer: Von magnetischen Theorien zum wissenschaftlichen Interesse
Im 18. Jahrhundert entwickelte der deutsche Arzt Franz Anton Mesmer (1734–1815) die Theorie des „animalischen Magnetismus”. Er ging davon aus, dass ein universelles Fluidum durch alle Lebewesen fließe, dessen Ausgleich Krankheiten heilen könne.
Seine Methoden wurden von wissenschaftlichen Kommissionen kritisch geprüft – darunter eine im Auftrag von Ludwig XVI., an der auch Benjamin Franklin beteiligt war. Diese Untersuchungen widerlegten die Idee eines magnetischen Fluidums und betonten stattdessen die psychologische Suggestion.
Obwohl Mesmers Hypothesen verworfen wurden, weckte er das medizinische und wissenschaftliche Interesse an mentalen Beeinflussungsphänomenen.
Show-Hypnose: Zwischen Faszination und Klischees
Im 19. und frühen 20. Jahrhundert verließ die Hypnose die medizinischen Praxen und eroberte die Bühnen von Varietés und Music-Halls. Hypnotiseure inszenierten Menschen, die scheinbar ihrem Willen unterlagen und spektakuläre Aktionen ausführten.
Diese Show-Hypnose verstärkte jedoch Vorurteile über:
- Kontrollverlust
- Manipulation
- Geheime Kräfte
Sie nährte Skepsis in der Öffentlichkeit und bei Fachleuten. Doch dieser unterhaltsame Aspekt ist nur eine verzerrte Karikatur der heutigen therapeutischen Praxis, die auf Zusammenarbeit zwischen Therapeut und Patient basiert – nicht auf Dominanz.
James Braid: Der Schritt zum medizinischen Verständnis
Der schottische Chirurg James Braid (1795–1860) prägte 1843 den Begriff „Hypnose” (abgeleitet von „hypnos”, dem griechischen Wort für Schlaf). Er betonte jedoch zugleich, dass es sich nicht um echten Schlaf handelt, sondern um eine konzentrierte Form der Aufmerksamkeit.
Braid lehnte den animalischen Magnetismus ab und stellte Suggestion und fokussierte Wahrnehmung in den Mittelpunkt. Dieser Ansatz ebnete den Weg für ein rationales, von esoterischen Ansprüchen befreites Verständnis, auf dem spätere Forschungen aufbauen konnten.
Milton Erickson: Moderner, patientenzentrierter Ansatz
Im 20. Jahrhundert erneuerte der amerikanische Psychiater Milton H. Erickson (1901–1980) das Verständnis der therapeutischen Hypnose grundlegend. Als Wegbereiter der modernen klinischen Hypnose entwickelte er eine indirekte, einfühlsame Methode, bei der sich der Therapeut an die individuellen Bedürfnisse des Patienten anpasst.
Ericksons Ansatz:
- Keine autoritären Befehle, sondern sanfte Suggestionen
- Metaphern und Geschichten statt direkter Anweisungen
- Respekt für den persönlichen Rhythmus jedes Einzelnen
- Patientenzentriert und kreativ
Dieser humanistische, flexible Ansatz trug dazu bei, das autoritäre Image der traditionellen Hypnose aufzulösen und sie als moderne Therapieform zu etablieren.
Wissenschaftliche Anerkennung: Die entscheidende Wende
Die Legitimation der Hypnose als therapeutische Methode stützt sich heute auf solide empirische Daten:
Neurowissenschaftliche Forschung
Funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT) belegt, wie Hypnose die Gehirnaktivität beeinflusst und beispielsweise bei der Schmerzmodulation wirksam ist.
Integration in medizinische Einrichtungen
Renommierte Einrichtungen wie die Hôpitaux Universitaires de Genève (HUG) integrieren Hypnose in ihre Behandlungen, um:
- Ängste vor Operationen zu reduzieren
- Chronische Schmerzen zu lindern
- Patientenversorgung zu verbessern
Offizielle Anerkennung
Ein bedeutender Meilenstein war der Bericht des Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie (WBP) im Jahr 2003, der die Wirksamkeit der Hypnotherapie wissenschaftlich bestätigte. Diese offizielle Anerkennung durch Expertengremien verankert die Hypnose fest im zeitgenössischen klinischen Umfeld.
Von der Mystik zur Wissenschaft
Von Mesmer über Braid bis hin zu Erickson hat die Hypnose einen weiten Weg zurückgelegt. Einst eine medizinische Kuriosität mit esoterischem Beigeschmack, ist sie heute ein ergänzendes therapeutisches Werkzeug, das durch empirische Daten untermauert und von Fachgremien anerkannt ist.
Fernab der Show-Hypnose präsentiert sich die moderne Hypnotherapie als:
- Respektvoll und patientenzentriert
- Wissenschaftlich fundiert
- Medizinisch anerkannt
- Evidenzbasiert
Weiterführende Quellen
- Wissenschaftlicher Beirat Psychotherapie (WBP): Gutachten zur wissenschaftlichen Anerkennung der Hypnotherapie
- Hôpitaux Universitaires de Genève (HUG): Geschichte und wissenschaftliche Anerkennung der Hypnose
- TIME: How Hypnosis Really Works
- American Psychological Association (APA): Hypnosis today
- Wikipedia DE: Milton H. Erickson